Keine Normalität für Vergewaltiger!

Achtung! Im folgenden Statement wird sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen, sowie Vergewaltigung thematisiert.

Wir solidarisieren uns mit den betroffenen Frauen und bedanken uns für den Mut und die Stärke, die sie aufgebracht haben. Damit tragen sie zum Schutz weiterer Frauen bei und leisten einen wichtigen feministischen Beitrag gegen (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung.
Kein Schutz für Täter! Kein Friede für Täterschützer und Täterschützerinnen! Krieg den Vergewaltigern!

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Vorsicht: Beschreibungen von rpe, sexueller Gewalt, Missbrauch, Zwangseinweisung. Wir wollen mit diesem Text (der gerne weiterverbreitet werden darf!) auf R.L. hinweisen, welcher sich seit Jahren in der linken Szene bewegt (zuletzt einige Jahre in Gießen, jetzt unserem Wissensstand nach in Frankfurt/M). Unsere Erfahrungen mit ihm, die wir in den zwei folgenden Statements beschreiben, deuten auf systematischen Machtmissbrauch & den gezielten Einsatz von sexueller und psychischer Gewalt von R.L. hin, um Frauen (und möglicherweise FINTA-Personen insgesamt) zu erniedrigen. Wir möchten, dass potentiell betroffenen Personen dieses Wissen zugänglich ist und sie auf dieser Basis eine informierte Entscheidung treffen können, wie sie mit ihm umgehen möchten. Von Gruppen & Freiräumen und den darin aktiven Personen wünschen wir uns, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet – ob jetzt ganz grundlegend oder konkret an diesem Beispiel. Dazu gehört für uns auch, dass Konsequenzen für den Umgang mit ihm und seinen zahlreichen Schützerinnen gefunden und umgesetzt werden. Keine Normalität für Vergewaltiger. Patriarchat und trotzdem laut. patriarchat_und_trotzdemlaut@riseup.net

Statement Person A

Meine Erfahrungen mit R.L. stammen großteils aus dem Herbst/Winter 2018: R.L. und ich lernten uns im Rahmen der Erstsemesterwoche an der Uni kennen, wo wir beide orgamäßig involviert waren. Nach einer Party ging ich mit ihm nach Hause, wir hatten Sex. Darauf trafen wir uns regelmäßig, bis es schließlich zu folgendem Vorfall kam: Wir liegen in R.L.s Bett, es ist der Morgen/Vormittag nach einer seiner WG-Parties. Unser Gespräch dreht sich irgendwo darum, dass wir aufstehen sollten, weil seine Freunde wahrscheinlich bald fahren wollen, er Waffeln für alle machen wollte, wir beide aber eigentlich vom MDMA noch zu verklatscht sind, um tatsächlich aufzustehen. Kurz nachdem jedoch alles auf wirklich aufstehen hindeutet, setzt R.L. sich vor mir auf, kommt zwischen meine Beine und schiebt meine Unterwäsche zur Seite. Ich bin irritiert – war der Plan nicht grade noch, dass wir aufstehen? Ich lache und sage „eh-eh“, schüttel den Kopf dabei. R.L. macht weiter. Ist plötzlich in mir und ich immer noch verwirrt. Das ist nicht das erste Mal, dass ich in so einer Situation bin und ich weiß ein bisschen was darüber, auch wenn es letztes Mal in einigen Punkten anders war. Ich weiß zum Beispiel, dass es vorbei geht. Wenn man schonmal in so einer Situation war ist ja eigentlich auch egal, oder? Dann macht ein zweites Mal auch keinen Unterschied mehr. Ich weiß auch, dass ich mir „diese Sache an sich“ früher immer anders vorgestellt hab – Rpe-Klischee-Karussel halt. Ich weiß auch, dass ich den Versuch machen könnte, mich zu wehren; das angeblich muss. Soziale Situationen funktionieren so halt aber meistens nicht: Die Angst, ein Fass aufzumachen, als hysterisch und/oder psychisch gestört oder verklemmt wahrgenommen zu werden (soziale Sanktionen inbegriffen) ist halt oft deutlich größer, als der discomfort, jemanden einfach machen zu lassen. Reale Erfahrungen, die man als von rpe betroffene Person so macht, machen das mit Sicherheit nicht besser. Täter-Opfer-Umkehr bleibt traurige Realität. Und deshalb gibt es für mich auch in der Situation mit R.L. wieder keine Möglichkeit, wie ich für mich selbst einstehen kann, ohne mich gleichzeitig auf eine Weise zu verhalten, die die Situation dank gesellschaftlicher Realität noch unangenehmer für mich macht. Wie kann man noch für sich einstehen, wenn ein Nein nicht zählt? – gar nicht. Und deswegen ist es so scheiße wichtig, dass schon der kleinste Anhaltspunkt, dass die andere Person vielleicht nicht so enthusiastisch dabei ist, Anlass ist, aufzuhören und nachzufragen, ob alles okay ist. Ich dachte, das ist zumindest in unseren Kreisen auch der allgemeine Konsens. Vielleicht war ich deshalb in der Situation auch noch überforderter als in anderen. Einem Typen aus der Szene sexuelle Übergriffigkeit zu attestieren, hat halt nochmal eine andere Qualität. Es ist aber klar: du – nicht ich – hättest dich anders verhalten müssen. Es ist klar, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wie ein Nein vorgebracht wird. Es ist klar, dass wir uns auch alle einig sind, dass dieses Nein in solchen Situationen seiner ursprünglichen Bedeutung vorbehalten und nie Tease oder Witz ist und es entsprechend nur einsetzen, wenn wir es auch wirklich meinen. Wir sind uns alle einig, dass es keine Blurred Lines gibt in diesem Kontext. Ich brach kurz darauf den Kontakt zu R.L. ab. Das schien ihm recht bald negativ aufzufallen und er bat mich um ein Treffen, um „Unklarheiten aus der Welt zu schaffen“. Als er zum vereinbarten Treffen nicht erschien, hatte ich unsere Absprache wohl schlicht als irrational verbindlich verstanden und entsprechend rahmte er meine angepisste Reaktion als unangemessen. Hierin liegt für mich sehr deutlich der Versuch, als Reaktion auf meine zunehmende Distanzierung wieder Dominanz zu etablieren. In der Zeit darauf beschränkte sich der Kontakt zwischen uns auf ein Minimum. Im Sommer 2019 rief R.L. mich an, er habe gehört, dass es zwischen uns Gesprächsbedarf gebe. Wir trafen uns kurz darauf und ich gab R.L. ein Gedächtnisprotokoll zu lesen, welches oben stehendem Text zum Großteil entsprach. R.L. machte in diesem Gespräch einen sehr betroffenen Eindruck. Versicherte mir, das alles aufzuarbeiten und zu reflektieren und bat mich um weitere Gespräche zu diesem Zweck. Ich willigte dieser Form der Unterstützung ein. Ich forderte außerdem, dass er im lokalen AZ nicht mehr ohne Ankündigung aufkreuzt. Er versprach, das zu tun. Es wirkte insgesamt so, als ob er meine Punkte selbstverständlich und verständnisvoll annahm. Ich ging damals sehr positiv aus dem Gespräch, mit dem Gefühl, das Thema für die gegebenen Umstände ziemlich ideal gelöst zu haben. Es zeigte sich erst in den Monaten darauf, dass ich wohl ein weiteres Mal seine charismatische Manipulation mit echter Empathie verwechselt hatte. Im Nachgang des Gesprächs ging er auf Nachfragen und Vorschläge meinerseits zu einem weiteren Gespräch nicht ein, stets mit der Erklärung „keine Zeit“. Auch mein expliziter Wunsch danach, sich beim Besuch im AZ anzukündigen, um mir auf diese Weise ein Stück Handlungsfähigkeit zurück zu nehmen, überging er mehrfach und ich sah mich gezwungen ihn auch daran zu erinnern. Es ist immer wieder deutlich geworden, dass er weder aus dem Gespräch, noch aus dem Vorfall an sich irgendwelche Konsequenzen gezogen hat und mir gegenüber ab dem Zeitpunkt der Thematisierung nur eine manipulative Besänftigungsstrategie fuhr, welche sich leider nur allzu nahtlos in seine sonstigen manipulativen, autoritären und missbräuchlichen Verhaltensweisen einreiht.

Statement Person B

Ich möchte im Folgenden darlegen, was mir in meiner letzten Beziehung passiert ist. Ich hatte einen Freundeskreis in der sogenannten Antideutschen Szene in Gießen. Ich habe Vorträge zu verschiedenen Themen (Meist Antisemitismus) mit organisiert und angesehen. Ich bin mit diesem Freundeskreis in Urlaub gefahren. Ich war 6 Monate mit R.L. zusammen. Unsere Beziehung war eskalativ und laut. Letztlich hat mir in der Beziehung emotionale Kompetenz gefehlt, weshalb ich in einer Kurzschlussreaktion Anfang April 2020 die Beziehung via SMS beendet habe. Sicherlich lässt sich über meine Art des Konfliktbearbeitens streiten, aber darum geht es hier nicht. Es geht um sexualisierte Gewalt. Ich habe unter anderem auch deshalb Schluss gemacht, weil es mir psychisch nicht gut ging und ich mich nicht emotional wohl gefühlt habe in dieser Beziehung. Nach der Schlussmachnachricht an ihn, haben wir eine Woche keinen Kontakt gehabt. Ich habe mich über einen Brief für die Art und Weiße meiner Schluss-mach-nachricht entschuldigt. Es ging mir sehr schlecht. Ich habe starke Beruhigungsmedikamente genommen u.a. Tavor, die ich als Bedarfsmedikation zuhause hatte. Es war Freitagabend. Ich hatte 4 Tavor geschluckt. Sicherlich lässt sich auch über meinen Medikamentenverbrauch streiten. Aber auch darum geht es hier nicht. Es geht um sexualisierte Gewalt. Zufällig in dem Moment hat er mich angerufen. Ich weiß nicht mehr genau, was wir beredet haben. Jedenfalls war der Plan, dass ich in dieser Nacht nochmal zu ihm fahre. Ich fragte meinen Mitbewohner nach Geld für ein Taxi, denn um selbst Auto zu fahren, dafür war ich zu benebelt. Ich bin sehr schmal und die Tavor Dosis war zu hoch. Mein geliebter Mitbewohner sagte: „Ich gebe dir ungern Geld. Du kannst kaum gerade ausblicken und laufen. Lass mich dich wenigstens die Treppe runterbringen, damit du nicht fällst und dich verletzt.“ Er begleitete mich zum Taxi, denn ich wollte zu R.L. Ich hoffte darauf, dass wir den Konflikt lösen können. Auch wenn ich so benebelt war. Der Taxifahrer war auch besorgt. Was er genau sagte, auch daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Bei R.L. angekommen, öffnete er mir -wie bereits gewöhnt- relativ kühl die Tür und sagte, dass ich mich ja schon mal hinlegen könne, er müsse noch was arbeiten. Am Laptop. Meine letzte Erinnerung ist die Perspektive von ihm am Laptop. Vom Bett aus. Ich lag völlig benebelt auf seinem Bett und schloss die Augen. Und dann war ich weg. Als ich wieder aufwachte spürte ich seinen Körper auf meinem. Ich spürte seine Zunge in meiner. Ich war immer noch berauscht. Ich spürte seinen erigierten Penis in mir. Er hatte Sex mit mir. Mit einem Menschen, der 4 Tavor intus hatte und keinerlei körperliche Kontrolle. Ein Mensch, der nicht „ja“ sagen konnte- denn er war körperlich nicht in der Lage. Und damit hat er mich vergewaltigt. Denn gesetzlich (ich komme später darauf zurück, warum ich mich nach einer Rechtsberatung gegen eine Anzeige entschieden habe) ist es Vergewaltigung, wenn man Sex mit einem Menschen hat, der warum auch immer nicht dazu in der Lage ist, dem sexuellen Akt zuzustimmen. Egal in welchem Verhältnis man zu dem Menschen steht oder stand. Das ist Machtmissbrauch und übrigens auch sehr oft Machtmissbrauch gegenüber Frauen. Denn wen macht es schon ernsthaft sexuell an mit jemandem zu schlafen, der nicht zustimmen kann. Ein Mensch, der sowohl körperlich als auch psychisch Brei ist. Doch nur dann, wenn man das Gegenüber (meist Frauen) für minderwertig hält. Man könnte jetzt sagen- vielleicht hat er nicht gemerkt, dass ich 4 Tavor genommen habe. Vielleicht habe ich es ihm nicht gesagt. Ich kann mich nicht erinnern, weil ich 4 Tavor in mir hatte. Alles war schwammig. Ich kann mich aber an eines genau erinnern: Sorge von Menschen- außer von R.L. Der Taxifahrer und mein Mitbewohner hatten Sorge um mich, weil ich „benebelt“ und „als nicht Herr meiner Sinne“ schien. Der Taxifahrer kannte mich nicht, war nicht 6 Monate mit mir zusammen, aber nahm es wahr. Warum sollte es R.L. nicht wahrgenommen haben? Ich hätte Zuneigung und Sorge gebraucht- stattdessen bekam ich Kühle und Vergewaltigung. Ich schlief nach der Vergewaltigung wieder ein. Am nächsten Tag war ich immer noch sehr benebelt. R.L. sagte: „du musst jetzt gehen!“. Und ich ging nach Hause. Zu Fuß. Ich bekam Hilfe von Freundinnen. Die mich besuchten und bei mir waren. Alles war verschwommen und wirr. Ich schaltete 3 Tage mein Handy aus. Meine geliebten Mitbewohner wachten nachts abwechselnd an meinem Bett, weil der Tavor Rausch das ganze Wochenende anhielt (!) und sie Angst hatten, dass ich nicht mehr atmen würde- wenn ich allein wäre. Anders als R.L., der meinen betäubten Körper zur Machtdemonstration nutzte. Mein Exfreund M. (der mit mir in der WG wohnte) stand Stunden an meinem Bett und bewachte meinen Atem. Er nahm wahr, dass es mir schlecht ging, sorgte sich und kümmerte sich. Das ist soziale Kompetenz. Am Montag wachte ich morgens auf und merkte, dass mein Rausch vorbei war. Ich war wieder klar. Ich griff zu meinem Handy und rief Freundinnen an, um sie zu beruhigen. Dass ich wieder da war. Ich hatte die Tavor Wirkung und Dosis unterschätzt und Sorgen bereitet. Und ein schlechtes Gewissen. Ich rief R.L. an und wollte wissen, was passiert ist. Er ging nicht ans Handy. Ich fuhr mit dem Auto zu ihm und wollte reden. Er öffnete die Tür und sagte „Was willst du hier? Das ist übergriffig. Es ist vorbei. Du hast Schluss gemacht“. Völlig überfordert mit dieser kühlen Reaktion fing ich zu weinen an. Er sagte „Wenn du in 20 Minuten nicht weg bist, ruf ich den Krankenwagen und sage denen, dass du suizidal bist!“. Ich weinte erneut. Er machte Ernst. Ich merkte das zu spät und die Sanitäter kamen mir, nachdem ich fliehen wollte, im Treppenhaus entgegen. Sie waren gezwungen mich mitzunehmen. Denn er sagte ihnen tatsächlich, dass ich suizidal sei. Ich wurde in die Vitosklinik zwangseingewiesen. Es folgte eine der schlimmsten, herabwürdigsten Nächte meines Lebens. Weil mein Ex mich halb bewusstlos vergewaltigt und dann kommentarlos zwangseinweisen wollte. Am nächsten Tag konnte ich mit Androhung eines Rechtsanwalts und auf eigene Gefahr gehen. Natürlich war ich nicht suizidal. Natürlich wollte ich mich nicht umbringen. Ich bin seit knapp 5 Jahren in psychoanalytischer Betreuung und reflektiere mich und mein Leben. Meine Analytikerin war entsetzt, als sie erfuhr, was mir von R.L. angetan wurde. Ich war verzweifelt, ja. Weil ich in meinem psychischen Schmerz nicht gesehen, nicht emotional aufgefangen wurde. Stattdessen wurde ich vergewaltigt. Und danach denunziert. Und schließlich ausgeschlossen. Meine Freundinnen aus der antideutschen Szene, die die scheinbar so sensibilisiert sind für menschenfeindliches Verhalten, sahen nicht was geschehen ist. Was mir geschehen ist. Auch ich konnte es erst zeitversetzt verstehen. Es wurde rumgeritten auf meiner vermeintlichen „psychischen Schwäche“. Und deshalb beendete ich teilweise hart den Kontakt. R.L. hat sich seit dem Vorfall NIE WIEDER bei mir gemeldet. Es gab keine Auseinandersetzung. Keine Reflexion. Keine Täterarbeit. Keine Anerkennung dessen, was mir widerfahren ist. Ich habe ihn via Brief gebeten, die Rechnung für den Krankenwagen zu bezahlen, den er gerufen hat, um mich zu erniedrigen. Ich habe ihm einen (verhältnismäßig netten) Brief geschrieben, in dem ich dargelegt habe, was er mir angetan hat. Keine Reaktion. Bis heute. Fast ein Jahr später. Ich habe nachgeforscht. Andere Frauen getroffen, die mir zum Teil von ähnlichem frauenverachtenden Verhalten seinerseits berichteten. Ich habe mich rechtlich beraten lassen mit dem Ergebnis: das Rechtssystem würde darauf rumhacken, dass ich Tavor genommen habe und am Ende, wäre das Resultat „Aussage gegen Aussage“, weil Überraschung: Vergewaltiger vergewaltigen in den seltensten Fällen vor Zeug*innen. Und ich wäre nochmal 2 Jahre mit der Konfrontation mit R.L. beschäftigt. Und da ich mich eben doch um mich selbst kümmern kann und damit nicht suizidal bin, weiß ich, dass ich das nicht will und kann. Ich will mich nicht mehr in direkter Form mit dieser frauenverachtenden Person beschäftigen. Aber ich bin eben auch Feministin. Und das meine ich ernst. Und das ist weniger angenehm und schön, als viele glauben wollen. Und ich kritisiere das Machtverhältnis, was gesellschaftlich immer wieder durch Gewalt, Schweigen, Meiden, Verleumden (übrigens unabhängig vom Geschlecht) gegenüber den Opfern (meist Frauen) geschieht. Und zwar laut und klar. Denn durch meine theoretische Auseinandersetzung in der Uni und beruflich im Frauennotruf weiß ich: Gerade Frauen, die Männer verlassen, riskieren „eins aufs Maul“. Denn dann machen sie klar: „Ich gehöre dir nicht“. Und das kann zu Gewalt führen. Zu sexualisierter Gewalt. Zu Vergewaltigung. Statistisch gesehen ist für Frauen diese Phase die gefährlichste. Und statistisch gesehen ist auch der eigene Nahraum (Partner, Expartner) für Frauen der gefährlichste Ort – nicht der dunkle Park. Und der sogenannte zweite Schlag der Gewalt im Patriachat geschieht dann, wenn Frauen laut rufen „Er hat mir dies oder das angetan!“. Dann wird im Besten Fall geschwiegen und gemieden (natürlich das Opfer)- im schlimmsten Fall verleumdet („die
lügt doch!“ Ja, klar- weil das so lustig ist und man sich so viele Freunde macht -oh man). Jedenfalls entsteht ein Netzwerk an Verhalten, welches genau das produziert: Patriachat. Das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern zu Ungunsten der Frau. Ich bin nicht nur Feministin, sondern auch Sozialpädagogin. Und ich glaube an die Selbstreflexion der Menschen. An die Unvollkommenheit des Menschen – gerade auch im Patriachat. Was ich aber für gefährlich halte und wo meine Toleranz für die Unvollkommenheit aufhört ist die Reflexionsresistenz bei Tätern. Keine Auseinandersetzung ist gefährlich. Für alle weiteren Frauen, die ihm intim begegnen. Deshalb möchte ich mit diesem Schreiben, darauf aufmerksam machen, dass genannte Person nicht nur wegen der Tat, sondern insbesondere wegen der Nicht-Auseinandersetzung und Reflexionsresistenz gefährlich ist. Nicht weil ich Rachegelüste verspüre oder mir gerne „Taten aus Langweile ausdenke“. Gerade weil ich eben auch nicht die Einzige und Erste war, der so etwas oder so etwas ähnliches passiert ist. Mit ihm. Ich mache das für Frauen. Und damit für Menschen. Für ein bisschen Gerechtigkeit in dieser ungerechten Welt. Ich habe meine „Politgruppe“ Initiative gegen Antisemitismus gebeten meine Geschichte anzuhören, weil sie mit R.L. eine Veranstaltung (Mahngang 2020) planen wollten. Natürlich wollte ich nicht mit meinem Vergewaltiger kooperieren. Ich habe folgendes in der Gruppe im Herbst 2020 thematisiert auf Whatsapp. Meine Gruppe war nicht bereit sich meine Geschichte anzuhören und ich sollte dann raus aus der Kooperation. Daraufhin trat ich mit einer weiteren betroffenen Person an den Infoladen heran. Das Infoladenplenum entschied sich daraufhin, R.L. aus dem Laden auszuschließen. Das Plenum für den 9.11. war durch diese Entscheidung gefährdet. Also ist er gegangen und ich konnte meinen virtuellen Part (wegen Corona) zum 9.11.-Mahngang doch beitragen. Auch wenn sich meine Politgruppe meine Geschichte nicht angehört hat. Ich war dann bis zum Februar weiter Mitglied, weil ich keine weitere Kooperation mit meinem
Vergewaltiger eingehen musste. Die Initiative gegen Antisemitismus hat dann im Februar Gelder beim Asta und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Gießen beantragt für die Veranstaltungsreihe „Postmoderne und Antisemitismus“. Mein Vergewaltiger ist Mitglied in der DIG Gießen. Und die DIG sagte: wenn wir eure Veranstaltung mitfinanzieren, wollen wir auch mitreden und kooperieren. Also sollte ich wieder mit meinem Vergewaltiger kooperieren. Ich habe mich gewehrt und gesagt, dass ich das nicht kann und ich es unfair finde. Im Februar fand dann ein Plenum ohne mich statt. Ich las das Protokoll, das ein Mitglied zusammen fasste. Darin stand: „@Person B, wir finden es alle sehr belastend, dass du deinen persönlichen Kram immer wieder einbringst.“ Mir wurde nahegelegt, die Gruppe zu verlassen. Und dann bin ich ausgetreten. Obwohl ich niemandem was getan habe. Niemanden vergewaltigt. Nur ein Bedürfnis von Solidarität geäußert habe. Ich wurde ausgeschlossen, weil ein anderer mich vergewaltigt hat und zwangseinweisen wollte und sich danach niemals mit mir darüber auseinandergesetzt hat. Ich möchte hinzufügen, dass es ein weiteres bundesweites bildungspolitisches Netzwerk gibt, bei dem
R.L. aus dem Team geworfen wurde, weil unabhängig von mir sich sehr viele Frauen über ihn beschwert haben. Über übergriffiges Verhalten. Und trotzdem wollte meine Politgruppe keine Auseinandersetzung.

Diese Erfahrungen mit R.L. demonstrieren für uns eine zweifellos zutiefst misogyne Denkweise, die sich – wie bereits ausgeführt – in Machtmissbrauch, sexueller und psychischer Gewalt äußert. Es bleibt zu erwähnen, dass R.L. sich auch in anderen Situationen stets über Frauen stellte, mit denen er intim war und sie häufig – ganz im Sinne einer altbekannten stereotypisierenden psychologischen Pathologisierung – stets als „eifersüchtig“, „labil“, „gestört“ oder „krank“ beschrieb. Bis hin zur Zwangseinweisung. Nie ist der Fehler bei ihm zu suchen, geschweige denn zu finden. Diese tief verankerte Misogynie in Kombination mit der ebenfalls beschriebenen absoluten Reflexions- und
Aufarbeitungsresistenz halten wir für enorm gefährlich für alle Personen, die ihm begegnen.


Patriarchat und trotzdem laut.
patriarchat_und_trotzdemlaut@riseup.net