Heraus zum internationalen Frauenkampftag

Unter dem Motto „Basta! Befreiung erkämpfen!“ nehmen wir uns am internationalen Frauenkampftag die Straße.

Der 8. März als Frauenkampftag und auch als Frauen – Feier – Tag wurde 1910 auf dem 2. Internationalen Frauenkongress der sozialistischen Internationalen auf Initiative von Clara Zetkin beschlossen. Vorausgegangen war die Erfahrung der Arbeiterinnen aus den USA, die im Bewusstsein und der Stärke aus ihren Streiks und Demonstrationen einen solchen gemeinsamen Kampftag ausgerufen hatten. Seitdem stellen Frauen auf der ganzen Welt an diesem Tag ihre Kämpfe in einen Zusammenhang.Wir, das 8. März Bündnis Gießen, sind Frauen aus unterschiedlichen Zusammenhängen – aber gemeinsam wissen wir: Es Reicht! Basta! Und wir wissen, Befreiung wird nicht geschenkt; Befreiung muss erkämpft werden.

Mein Körper – meine Entscheidung

Der alte Klassenparagraf 218, der über die Körper von Frauen entscheidet und Schwangerschaftsabbrüche nur unter gewissen Voraussetzungen erlaubt, ist immer noch nicht abgeschafft. Ja, Klassenparagraph! Denn nicht nur, dass betroffenen Frauen in dieser prekären Lebenslage genug entgegenschlägt. Nein, dazu kommt, dass Frauen die nicht in einer privilegierten Klasse unterwegs sind, zusätzliche Hürden nehmen müssen. Denn ohne medizinische oder kriminologische Indikation müssen die Betroffenen die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch selbst tragen und ebenfalls die Kosten im Falle eines Strafverfahrens. Genauso abgeschafft wie der Paragraph 218 gehört der Paragraph 219a, der Frauen das Recht verwehrt sich bei unterschiedlichsten Quellen ihres Vertrauens online über einen Schwangerschaftsabbruch informieren zu können. Die Gießener Frauenärztin Kristina Hänel kämpft seit Jahren für ein Informationsrecht über Schwangerschaftsabbrüche. Sie zieht jetzt vor das Bundesverfassungsgericht um es Frauen endlich zu ermöglichen sich professionell und leicht zugänglich beraten lassen zu können. Dieses patriarchale System kriminalisiert auch noch heute unsere Entscheidung und beschneidet unsere körperliche Selbstbestimmung. Die Autorin und Aktivistin Laurie Penny bringt es auf den Punkt:
„Wenn Männer schwanger werden könnten, wäre Abtreibung kostenfrei und uneingeschränkt in jeder Kleinstadt und jeder Großstadt auf Erden zu haben. Kein Mann müsste sich für seine Entscheidung, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden, rechtfertigen. Es würde völlig ausreichen, wenn er sagte: Ich will dieses Kind nicht bekommen. Niemand würde Männern das Grundrecht auf sexuelle Freiheit und persönliche Autonomie absprechen“

We fight back!

Im Zuge der Corona Pandemie werden die Arbeitsbereiche im Sozial-, Gesundheitsbereich, im Handel und in der Pflege plötzlich als systemrelevant erkannt und ausgiebig beklatscht. Wir wissen schon lange, dass diese Arbeitsbereiche bedeutende gesellschaftliche Arbeiten sind, auch schon vor der Pandemie. Diese werden überwiegend von Frauen geleistet und in der Regel schlecht entlohnt. Frauen mit Migrationserfahrung sind meist stärker von dieser Ausbeutung betroffen, da sie systembedingt oft nur die am schlecht bezahltesten Jobs abbekommen. Hat sich das mit der Krise geändert? Werden die immer noch sogenannten „Frauenberufe“ nun angemessen, das heißt ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechend, entlohnt? Endet die Privatisierung und das Ausbluten lassen des Gesundheitsbereichs?
Nichts davon geschieht – während der reichste Teil der Bevölkerung in der Krise immer reicher wird, verhungern Menschen, verlieren ihre Arbeit oder arbeiten als Systemrelevante ein Vielfaches mehr ohne finanzielle Anerkennung.

Wir sind relevant! Das System nicht! Frauenkampf heißt Klassenkampf

Für viele Frauen kommt zum schlecht bezahlten Job noch die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit. Auch im 21. Jahrhundert arbeiten Frauen täglich im Schnitt rund fünf Stunden im Haushalt und damit doppelt so viel wie Männer. Diese sind nur rund zwei Stunden am Tag mit dieser Arbeit beschäftigt; das hat System und es heißt: unbezahlte Reproduktionsarbeit. Bis heute sind es hauptsächlich Frauen, die die Verantwortung für Kinder, Haushalt und Angehörigenpflege übernehmen. Mütter bringen doppelt so viel Zeit dafür auf wie Väter – nämlich rund sechs Stunden am Tag. Und es sind nur 29 Prozent aller Männer, die täglich Arbeit im Haushalt übernehmen. Studien zur der Arbeitsaufteilung in Familien während der Corona-Pandemie bestätigen diese ungleiche Rollenverteilung. Zur unbezahlten Sorgearbeit kommen noch unsere schlecht bezahlten Jobs hinzu, unsicher, häufig in Teilzeit und befristet. Viele Frauen bekommen dadurch nur wenig Rente und geraten schon vorher in eine finanzielle Abhängigkeit von ihren Partnern. Die Frauenquote für Top-Positionen als Weg zur Gleichberechtigung darzustellen ist angesichts der prekären Arbeits- und Lebenssituationen von den meisten Frauen blanker Hohn. Schlecht bezahlt im Job und unbezahlt zu Hause? Nicht mit uns!

Wir wollen, dass sich alle gleichermaßen und gemeinsam um Mitmenschen und Haushalt kümmern. Wir wollen eine angemessene Anerkennung – auch finanziell – für unsere Arbeit. Und wir wollen mehr freie Zeit für uns selbst und für politisches Engagement. Als Frauen werden wir doppelt ausgebeutet – daher haben wir auch ein doppeltes Interesse an der Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse! Diese stehen uns im Weg, wenn wir die Unterdrückung der Frau beenden wollen. Organisieren wir uns als Frauen und werden wir mehr, die gemeinsam für die Überwindung der patriarchalen und kapitalistischen Verhältnisse kämpfen! Lasst uns gemeinsam als Klasse kämpfen, für eine befreite Gesellschaft!

Frauen kämpfen international

In Argentinien, Chile und Mexiko schließen sich Frauen gegen tägliche Feminizide zusammen. In Rojava kämpfen Frauen mit der Waffe in der Hand. Im Irak beteiligen sich Frauen auf allen Ebenen – auf der Straße bis hin zur medizinischen Versorgung – an dem Widerstand gegen Korruption und den neoliberalen Ausverkauf des Landes. Spätestens seit 2019 zeigt sich, dass auch Frauen in Europa in Bewegung kommen. In Spanien haben am 8. März Millionen Frauen ihre Lohn- und Hausarbeit liegen gelassen und es kam zu Massendemonstrationen bis hin zu unangemeldeten Straßenblockaden und Flashmobs. In Polen gehen seit Monaten zehntausende Frauen auf die Straße um mit ihren „Schwarzen Proteste“ gegen ein Gesetz der reaktionären PIS-Partei in Einheit mit der katholischen Kirche zu protestieren. Dieses Gesetz ist der Schlusspunkt einer Reihe von Gesetzen, die Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert. So verschieden ihre Kämpfe auf den ersten Blick auch sind, überall werfen Frauen die klassischen Rollenbilder über den Haufen und stellen sich dem patriarchalen Alltag entgegen. Dieser ist noch immer kein Phänomen der Vergangenheit, sondern bittere Realität für Milliarden von Frauen.

Wir brauchen einen internationalistischen Feminismus, der die weltweiten Frauenkämpfe aufeinander bezieht und verbindet. Wir brauchen einen antirassistischen und antifaschistischen Feminismus, der klare Kante gegen Rechts zeigt. Und wir brauchen einen klassenkämpferischen Feminismus. Denn im Kapitalismus, ist die Befreiung aller Frauen nicht zu haben. Wir fordern daher nicht einfach Gleichberechtigung, wenn dies bedeutet, dass unsere Schwestern und Freundinnen hier und in anderen Ländern dafür mit schlechten Arbeitsbedingungen, Krieg, sexueller Ausbeutung und Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bezahlen müssen. Wir kämpfen mit vollster Entschiedenheit und Leidenschaft FÜR eine KLASSENLOSE Gesellschaft, in der die Befreiung der Frauen verwirklicht werden kann und alle Menschen ein freies und respektvolles Leben führen können.
All das ist Grund genug, um zu sagen: Basta! Befreiung erkämpfen!Gegen den Paragraf 218 und 219a – für eine selbstbestimmte Entscheidung.


Gegen Feminizide, sexualisierte und patriarchale Gewalt – für ein selbstbestimmtes Leben
Gegen die kapitalistischen Verhältnisse und doppelte Ausbeutung von Frauen – für solidarische Lebens- und Arbeitsstrukturen
Lasst uns den 8. März, den internationalen Frauenkampftag, als Auftakt für einen Frauenkampf an 365 Tagen im Jahr nutzen! Befreiung erkämpfen. Raus auf die Straße!

8. März-Bündnis Gießen