Mahngang zum 09.11.1938 und Podiumsdiskussion

Zum Gießener Mahngang anlässlich der Reichspogromnacht kamen am Samstag ca. 200 Personen. Gemeinsam erinnerten wir an die Reichspogromnacht 1938 und mahnten, dass es nie wieder so weit kommen darf. Auf dem Weg zu den Orten des Gedenkens hörten wir passende Musik, die den Kampf gegen Faschismus und den Kampf für eine befreite Gesellschaft zum Thema hatte. Unter anderem wurde das „Ravensbrücklied“ gespielt oder „Drei rote Pfiffe“, das vom Widerstand der Partisanin Jelka gegen die Faschisten im slowenischen Kärnten handelt. An den Gedenkorten wurden historische Redebeiträge in Erinnerung an die Opfer des antisemitischen Terror der Reichspogromnacht gehalten, Kerzen abgestellt und Nelken abgelegt. Bei der Kranzniederlegung sagen wir mit musikalischer Begleitung „Moorsoldaten“.

Nach dem Mahngang fand die Podiumsdiskussion „Warum Faschismus kein „Nationalsozialismus“ ist statt, zu der 50 Leute kamen. Vielen Dank, an alle die beim Mahngang und im Anschluss in der Anschlussverwendung waren. Herzlichen Dank auch an unsere Referenten der VVN/BDA, der Siempre Antifa und der SDAJ.

Hier die Rede, die zu Beginn des Mahngangs gehalten wurde:

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Dies ist ein politisches Vermächtnis von Überlebenden und WiderstandskämpferInnen gegen den Faschismus. In diesem Zusammenhang ist der 9. November ein Tag von Gedenken und Mahnen. Das Vermächtnis als Grundlage unseres Handelns zu nehmen bedeutet für uns Stellung zu beziehen und uns einzumischen gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, staatliche Repression gegenüber Geflüchteten, Aufrüstung und Kriegspolitik und für eine solidarische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Deshalb wenden wir uns auch gegen eine Historisierung des Faschismus als eine abgeschlossene einmalige unverständliche Epoche. Faschismus ist eine immer vorhandene aktuelle Gefahr.

Und darum gehen wir am 9. November auf die Straße um zu gedenken und zu mahnen.

Am 9. November 1938 wurden in Gießen, wie in vielen anderen Städten und Gemeinden in Deutschland, Synagogen, jüdische Geschäfte und Häuser von den Nazis niedergebrannt. Menschen wurden geschlagen, gejagt und ermordet. Die Bevölkerung sah weg oder klatschte Beifall und beteiligte sich an den Pogromen. Die Reichspogromnacht, die von den Nazis zynisch Reichskristallnacht genannt wurde, war eine von langer Hand vorbereitete Aktion. Sie hatte zwei wesentliche Ziele: die ökonomische Ausplünderung und den Beginn der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung sowie die Einschüchterung von möglicher Opposition. Da entschiedener Widerstand gegen dieses verbrecherische Vorgehen ausblieb, erwies sich die Reichspogromnacht als ein wesentlicher Schritt zur Festigung der Faschistischen Diktatur. Es folgte: der 2. Weltkrieg mit über 50 Millionen Toten, der Holocaust als industrielle Massenvernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas, die Ermordung und Vertreibung aller Menschen, die dem rassistischen und politischen Weltbild der Faschisten nicht entsprachen.

Nach der Befreiung vom Faschismus schien man aus der Geschichte gelernt zu haben und es gab einen breiten Konsens, der sich in der Forderung „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ ausdrückte und in konkreten Überlegungen bis weit in konservative Kreise zu einer nichtkapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Menschen flüchten nicht weil es ihnen Spaß macht, sondern sie fliehen vor Krieg und Elend.

Deutschland ist als Hegemonialmacht der Europäischen Union mit verantwortlich für die Versorgung aller Kriegsparteien mit Waffen, mit verantwortlich für die aggressive Abschottung des Kontinents und mit verantwortlich für die Unterwerfung von Menschen unter ökonomische Zwänge. Die faschistische Gefahr ist gerade heute nicht mehr nur abstrakt. In Deutschland ist rechter Terror Alltag geworden und er trifft mittlerweile auch Repräsentanten des bürgerlichen Staates. Faschistische Netzwerke innerhalb der Sicherheitsorgane lassen sich nicht länger leugnen. Mit Björn Höcke hat ein Vertreter des faschistischen Flügels der AfD über 23% der Stimmen bei der Landtagswahl in Thüringen erreicht. In Ländern wie Brasilien und der Türkei sind Faschisten an der Macht. Was die BRD nicht daran hindert gute Geschäfte mit ihnen zu machen. Noch nie seit 1945 gab es so viele Kriege und so viele Menschen auf der Flucht. Deutschland ist auch wenn wir es hier nicht spüren kriegsführende Partei. Deshalb rufen wir auf am 9. November auf die Straße zu gehen gegen Krieg und eine Politik in der Menschen nur nach Einschätzung ihrer Verwertbarkeit Rechte zugestanden werden.

Im Gedenken an die Opfer kämpfen wir für eine solidarische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Wir rufen auf zum Widerstand gegen die faschistische Gefahr in diesem Land!